ist in dieser Konsumgesellschaft samt Verblödungsindustrie verraten und verkauft. JazzBaltica-Mitschnitte werden nachts um drei gesendet, “Kultursender” senden nur Verschnipseltes aus Saintmartininthefieldsunterderleitungvonsörnewilmariner und im Einzelhandel?
Wo würden Sie eine CD des Labels kairos finden? Saturn räumt um und versteckt die letzten Alibi-Scheiben im allgemeinen Gemüse-Fach, JPC gibt es schon lange nicht mehr in der Innenstadt (was ist aus den kompetenten Verkäufern geworden?), also nur im Onlinehandel? Da finde ich zwar die CDs, die ich bestimmt gerne hätte, aber ich habe sehr wenig Chancen, auf Unbekanntes, Reizvolles zu stoßen oder fachkundigen Empfehlungen zu folgen und auch mal einen Kauf zu wagen.
Denn im Online-Handel wird mir aufgrund ausgefeilter Cookie-Auswertungen etc. nur empfohlen, was ich sowieso schon kenne, kaufte, suchte oder zusätzlich was die “breite Masse” gerade bevorzugt, da platzt dann schon mal LadyGaga zwischen die klassische armenische Musik, nein das ist es auch nicht.
Nun drohte in Hamburg dem letzten mir bekannten qualifizierten Laden das Aus. 6 Fachkräfte waren schon gekündigt, denn HanseCD wurde die Miete erhöht. Und Ertrag/qm ist ja die einzige Leitlinie dieser Shopping-Hochburgen, die doch angeblich die Anziehungskraft der Innenstadt erhöhen sollen (denn nur wenn ich den gleichen Scheiß wie in anderen Shopping-Zentren anbiete, kommen Kunden, warum sollten sie sonst kommen?)
Aber es ist ein Wunder geschehen. Kundenproteste und Zeitungsberichte haben tatsächlich dazu geführt, daß Gespräche geführt wurden, die letztendlich zu einem positiven Ergebnis führten: der Laden bleibt (an anderer Stelle), die Mitarbeiter bleiben den Kunden erhalten und wir Kunden können uns ein wenig besser fühlen.
Aber die Argumente sind schon erstaunlich:
“Vielleicht haben wir anfangs nicht gut genug verstanden, was die Bedürfnisse von Hanse-CD sind”, räumt ECE-Öffentlichkeitsarbeiter Christian Stamerjohanns ein. Er hatte damals bereits gesagt, dass ein Laden wie Hanse-CD “Gold wert” sei für den Branchenmix in der Einkaufspassage. Offensichtlich setzt sich eine solche Sicht in einem großen Unternehmen wie ECE nicht automatisch durch. “Wir haben uns jetzt über die Standardverfahren hinausbewegt und auch Schmerzgrenzen überschritten”, sagt Stamerjohanns.
(aus dem Abendblatt)
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wieweit vom Alltag diese Herrschaften Einkaufszentrenleiter denken und rechnen. Wie schmerzbefreit sie sind angesichts des öden dudel-Einerleis in den Lädenpassagen, wie sehr sie ihre hohlen Phrasen von “Branchenmix” und “Angebotsstreuung” selbst widerlegt haben.
“Vielleicht haben wir anfangs nicht gut genug verstanden, was die Bedürfnisse von Hanse-CD sind”
dieser Satz ist entlarvend. Das Bedürfnis von Hanse-CD ist, wie bei jedem Wirtschaftsbetrieb auch, Rendite. Dazu allerdings die Leidenschaft für “kulturelle Produkte”. Die Notwendigkeit von Rendite ist sicherlich auch für solche BWL-Oschis nachzuvollziehen, aber in der ganzen Argumentation kommen die Kunden gar nicht vor.
Das alte angebliche Klischee von marktregelnder Nachfrage und Angebot ist ins Gegenteil verkehrt: Das forcierte planierte Angebot kanalisiert die Nachfrage, und wenn das dann mal nicht klappt, dann “überschreitet man Schmerzgrenzen” und akzeptiert die Existenz von Geschäften, deren Angebot nicht aus elitären Hundehalsbändern oder immergleichen Schrottklamotten besteht.
Für eine derartige Rettungsargumentation braucht es natürlich einen Öffentlichkeitsarbeiter.