Erlebnisfrieren
dann ist es wirklich kalt, wenn man sich so verliest:
dann ist es wirklich kalt, wenn man sich so verliest:
"Wir entsprechen nicht dem klassischen Layout eines Museums. Aus wirtschaftlichen Gründen eines zuschussfreien Betriebes haben wir uns gemeinsam bewusst dagegen entschieden."
Das sagt der Leiter des Auswanderermuseums Ballinstadt in Hamburg.
Festzustellen ist, daß dieses Museum in Schwierigkeiten ist, nicht die gehypten optimistischen Besucherzahlen einfährt.
Festzustellen ist, daß die Freie und Hansestadt Hamburg für dieses Schaufensterpuppen-Event 6 Millionen dazugegeben hat.
Weiterlesen:BallinStadt bittet Behörde um Hilfe bei der Vermarktung
auch wenn man das "nachtreten" nennen könnte, aber es muss sein:
Auf der Medienseite entschuldigt sich H.L. dafür, dass das Michael-Jackson-Foto, das die FR in ihrer Printausgabe als letztes Foto von MJ auswies, in Wahrheit sechs Jahre alt war.
schreibt der Perlentaucher.
Warum soll man sich da entschuldigen? Für mich (Hessin) sah der schon immer ganz alt aus
Ein letztes Mal komme ich auf den sog. King of POP zurück, dann lass ichs gut sein und hoffe, daß es auch sonst gut wird, es reicht langsam.
Dieser Ausschnitt aus einem Bericht über den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb ist schon arg. Unterschwellig wird den Literaten, Juroren und anderen unterstellt, Herrn MJ nicht ausreichend gewürdigt zu haben. Muß man das denn?
Ich zitiere Elmar Krekeler aus seiner Glosse in der WELT:
Der sei doch schon seit zwei Jahrzehnten tot gewesen, entschuldigten sich die Literaten für ihre Missachtung des Popkönigs. Und mehr als ein gutes Album hätte der auch nicht gemacht. Mit Elvis gar nicht zu vergleichen.
Trauer trug allein Jurypräsident Burkhard Spinnen. Das dürfe eigentlich nicht sein, dass der jetzt tot sei. Der habe sein Leben, sein Talent verschwendet. Dass der jetzt tot sei, das mache jeden um die Fünfzig, jeden überhaupt, der in den Achtzigern sozialisiert wurde, auf einen Schlag ein ganzes Stück älter. Weil mit Jacksons Tod ein Stück Zeitgenossenschaft gestorben ist.
Weil Jackson unser Lennon war. Und größer als Haider.
Ist es Mißachtung, wenn man diesen Scheiß nicht mag, ihn nicht wahrnimmt, weil es einfach unwichtig ist, gezüchtete Marketingstrategie und Wirtschaftsschrott? Waum soll/muß ein Literat um diesen Trivialmist trauern?
titelt das Abendblatt und ich bin bestürzt daß erwachsene Menschen solch einen Scheiß über einen dahingegangenen Zombie verbraten.
wikipedia beschreibt Wiedergänger so:

Als Wiedergänger, auch Widergänger, werden unterschiedliche Gespenstererscheinungen aus verschiedenen Kulturkreisen bezeichnet. Die beiden Schreibweisen sind das Ergebnis einer Gelehrtendifferenzierung im 17. und 18. Jahrhundert. Sie beziehen sich nicht auf unterschiedliche Erscheinungsformen. Der Kern des Wiedergänger-Mythologems ist die Vorstellung von Verstorbenen, die – oft als körperliche Erscheinung – in die Welt der Lebenden zurückkehren. Sie sind den Lebenden meist böse gesinnt und unheimlich. Sei es, weil sie sich für erlittenes Unrecht (z. B. Störung ihrer Totenruhe) rächen wollen; sei es, weil ihre Seele auf Grund ihres Lebenswandels nicht erlöst wurde.
Wir erleben gerade dieses Phänomen in penetrantester Form.
Als ob eine Verschwörung zuschlägt und jeden Redakteur in welcher Anstalt auch immer zwingt, diesem unsäglichen Tropf hinterherzuweinen und uns Zuschauer zu molestieren.
Als ob dieser Mensch nicht schon Molestierung genug war. Und als ob es nicht gut ist, daß es jetzt ein Ende hat.
Wen überrascht die Nachricht vom Tod Michael Jacksons? Die Tagesschau jedenfalls, wenn sie titelt:
Michael Jackson überraschend gestorben.
Jeden anderen Menschen, der irgendwie seine fünf Sinne beeinander und seinen Verstand auch noch nicht abgegeben hat, überraschte diese Meldung wohl nicht. Eher noch, daß er überhaupt noch lebte.
Herr Reich-Ranicki nimmt die Dinge ernst. Wenn es einen "Deutschen Fernsehpreis" gibt, mit dem er geehrt werden soll, dann nimmt er den Preis ernst, weil er sich selbst auch ernst nimmt.
Und dann erlebt er das.
Und weigert sich, den Preis entgegenzunehmen.
Gut! Leider ist die Berichterstattung nicht so ausführlich, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich hätte gerne seine deftigen und treffenden Aussagen gelesen.
Allein ein Zitat aus dem Tagesspiegel-Bericht:
Die Serien und Shows, die für den Fernsehpreis der großen Senderfamilien ARD, ZDF, Sat1 und RTL nominiert wurden, bezeichnete der seit ehedem streitbare Literaturkritiker schlicht als "Blödsinn".
Aber wie der Tagesspiegel dann auf die Idee kommt, von Senderfamilien zu sprechen, verschließt sich mir vollends.
Über ein Jahrzehnt sei "Das literarische Quartett" der Pflichttermin für Literaturbegeisterte gewesen, hatte der Vorsitzende der Stifter, ZDF-Intendant Markus Schächter die Entscheidung begründet. Reich-Ranicki sei es gelungen, Literatur mit dem Publikum zu vereinen.
Tja, Literatur vom Publikum wieder zu trennen, dafür brauchten die nun Auszeichnenden kein Jahrzehnt. Das haben die schneller hinbekommen.

Das Bild stammt aus der Webseite des Deutschen Fernsehpreises, die sich genauso verhält, wie Herr MRR das kritisiert, laut und hässlich und vor allem dümmlich.
Spannend ist nun, ob die Aufzeichnung gesendet wird…
Die Reihe der bisherigen Preisträger ist auch illuster: 9 Herren und eine Frau, Inge Meysel. Das Lebenswerk von Frauen spielt sich eben doch nicht im Fernsehen ab.
Und wenn ich mir dann die Laudatoren ansehe, schäme ich mich. Fremdschämen ist das richtigere Wort.
PS zur Webseite:
ja, das passt: für solche peinlichen Webauftritte ist Joomla! das richtige ContentManagementSystem.
Wunderbare Wahl. Wie Mist doch immer wieder zu Mist kommt…
Oben auf der Seite prangt ein wunderbares "Mambot", welches auch noch falsch zählt:
"Noch -1 Tage bis zur Verleihung"
Ich denke, der Minus-Tag war gestern, am Samstag, als diese unsägliche Gala abgehalten wurde..
Der Perlentaucher zitierts und ich zitiere es auch, weil mir Georgi Gospodinovs Beobachtung zu denken gibt:
“Erstens, die Fliegen sind mehr als nur eine. Zweitens, sie sind lebendig. Und drittens, sie bleiben nicht an einem Ort. An dieser Stelle unterbrechen wir die Geschichte, weil es den empfindlichen Lesern schlecht wird, die Damen sich übergangen fühlen und die Analogien sich in Allegorien verwandeln. Man kann einfach keine Geschichte mehr erzählen, ohne jemanden zu kränken.”
Was kommt als nächstes? Die Asyl Show oder das Hartz IV Quiz? Natürlich nur als “ein Stück Unterhaltung” begriffen. Da die in Deutschland lebenden EU-Ausländer bei den Fernsehquoten nicht mit erfasst werden, weiß man nicht, ob sie die Sendung gesehen haben. Das ist die Gruppe, für die der Einbürgerungstest erfunden wurde. Oh, Deutschland, wie deutsch du bist, das hat sich – ganz original – am Donnerstag Abend gezeigt.
fragt die Frankfurter Rundschau und hätte gerne noch ein bißchen krasser formulieren dürfen.
Ich gebe Udo Feist und seinem Artikel Etwas Heiliges und Heilsames in der RF recht, wenn er zum Schluß konstatiert:
Der Pop säkularisiert mit Produkten wie “Chant” die religiöse Musik. Dem Markt und den sich dort bedienenden Individuen neue Sinnbedürfnisse zu unterstellen, erscheint weit hergeholt. Sie verhalten sich lediglich marktkonform – und ziehen sich Gregorianik rein. Ein Ausrutscher, aber kein Symptom.
Ich sehe jedoch einen Unterschied bei den Rezipienten:
Gläubige werden diese Musik als Andachts-Äußerung wahrnehmen, Un-Gläubige (und das sind wohl die Meisten) so wie im Artikel beschrieben.
Aber wie immer ist die Masse das Ziel. Da hat er recht.
nennt Uwe Justus Wenzel die Fußball-Arenen ohne Fußball-Platz, wie sie nun überall in den Städten aufgebaut sind.
In einem emotionsgeladenen, aber trotzdem nur allzu wahren Artikel in der NZZ nennt er Roß und Reiter, Handlanger und Opfer.
Es gibt viele Opfer: Steuerzahler, Lärmgeschädigte, Retardierte…
aber am besten selber lesen, dann können Sie mich vielleicht verstehen.
das kann ja auch nicht angehen: eine ganze Nacht nur Museen und Gallerien offen… das ist doch nichts für einen Hamburger! Da muß doch noch was Anderes sein!
Zwar bleibt die Kunst nach wie vor nicht käuflich, und wie schon bisher werden Deichtorhallen, Kunstverein, Freie Akademie, Kunsthaus, Galeriehaus, Zentralbibliothek, Goethe-Institut, Instituto Cervanters, Museum für Kunst und Gewerbe, Kunsthalle, Haspa-Galerie und Bucerius-Kunst-Forum ein vielfältiges Programm vor und hinter den jeweiligen Kulissen anbieten, doch damit nicht genug: Erstmals sind nun auch die Geschäfte auf der Spitaler- und der Mönckebergstraße parallel geöffnet. Und einige Konsumtempel präsentieren sogar ein eigenes Kulturprogramm.
Von Synergien ist viel die Rede, die Einzelhändler erhoffen sich kauffreudige Kunstfreunde, und die ewig klammen Kunstinstitute haben nun dank der Unterstützung der Kaufleute erstmals die Möglichkeit, flächendeckend für den Tag der Kunstmeile zu werben.
Und nächstes Jahr heißt das dann “14 Stunden Shopping und Kunst” und danach überläßt man die Kunst wieder den Alleinunterhaltern und Silvermen und südamerikanischen Elcondorpasas….
und alles ist wieder im Lot. Oder war was?
Ballinstadt Hamburg:
Nachgebessert wird auch in der Ausstellung selbst. Die beginnt mit den Träumen der Auswanderer – vorgetragen von sprechenden Puppen. Nur reden alle gleichzeitig, sodass der Besucher keiner Biografie folgen kann. “Die Idee kommt gut an, aber die Geräuschkulisse ist einfach zu groß. Deshalb werden wir Kopfhörer anbieten”, sagt Siepmann. Insgesamt setzt das Konzept vor allem auf “Docutainment” – und damit mehr auf detailgetreu und durchaus liebevoll inszenierte Geschichte als auf originale Atmosphäre: Auf dem Pfad, der den Besucher von Hamburg nach New York führt, informieren bewegte Bilder und Installationen über die Situation der Auswanderer. Im Gegensatz zu den Auswanderern von damals bleiben die Besucher nur etwa zwei Stunden in der neuen (Museums-)Welt.
Und im Gegensatz zu den Auswandern … da wird Elend und Not mit Freizeitgestaltung gleichgesetzt
So verniedlicht man Geschichte und das auch noch stümperhaft.
Und die Presse macht mit.
ist schon wieder weg.
Er hat Tausende Hamburger glücklich gemacht.
Das ehrt ihn. Stellt sich uns Unglücklichen nun die Frage, wie wir das Schafsgrinsen aushalten.
Immerhin hat es die Stadt nichts gekostet. Das unterscheidet einen Re-Inkarnierten von einem gescheiterten Präsidentschaftskandidaten. Dessen Klima-Massenauf bezahlt der Hamburger Steuerzahler mit fast einer Million Euros.
Und dessen Publikum hat noch nicht mal gesegnete Schokolade bekommen…