Kategorien: Dies und Das

Gerne lese ich die FR

Für die Wandlungsprozesse der Sprache bedeutet all dies nur, dass das kleine Wörtchen 'gern', das bevorzugt für eine Zuneigungsbekundung reserviert war – 'Ich habe dich gern', 'Ich gehe gern ins Kino' – bis auf weiteres verbraucht ist. Die gefräßigen Konsumtionsprozesse machen eben auch vor der Sprache nicht halt.

aus der FR Rubrik Times Mager

Ich frag mich schon die ganze Zeit, wie es möglich ist, daß solch ein Sprachwandel so schnell vor sich geht.
Gibt es da irgendwelche Richtlinien vom Hotel- und Gaststättenverband, hat da jemand ein Motivations- und Trainings-Video verkauft, das jetzt alle nachplappern?

Journalismus: Praktikanten testen Bahnhöfe

Das Hamburger Abendlblatt listet die Ergebnisse einer Bahnhofsbegehung auf.
Und wieder einmal haben sie nichts verstanden, ohne die Bedürfnisse eines Reisenden zu kennen, schauen sie sich harmlos und mit trübem Blick um.

Da kommen dann schon mal solche Feststellungen zustanden: Ein großer Wartebereich bietet den Reisenden ausreichend Sitzgelegenheiten und Tische. Was bitte schön, ist das für ein Wartebereich? Das sind gastronomische Betriebe.
Angebot: Großes gastronomisches Angebot für jeden Geschmack, von der Bratwurst bis zur Saftbar. Einen kleinen Kaffee gibt es ab 1 Euro, ein Salami-Baguette für 2,19 Euro. Ein Supermarkt, Zeitschriftenläden und Geschäfte runden das Angebot ab. Na eben, wer konsumiert, fühlt sich wohl. Wer aber reist?

Angebot: Das gastronomische Angebot lässt kaum Wünsche offen: Es gibt Fast-Food, Fischbrötchen, italienische Snacks und eine Saftbar. Ein Feinkostladen lockt mit frischer Wurst und Käse, Champagner und gutem Weinangebot. Natürlich gibt es hier auch einen Blumenladen, Zeitschriftenladen, Backshop und weitere Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs. Einen Kaffee bekommen die Reisenden hier ab 1 Euro, ein halbes Brötchen mit Mett kostet 1,55 Euro.

Das Beste zum Schluß: Der Harburger Bahnhof
Die Bahnsteige sind alt, feucht, zugig, dunkel und unwirtlich. An vielen Stellen tropft es durchs Dach. Es gibt zu wenige Sitzgelegenheiten. Sicherheitsleute sind nicht zu sehen. Das ganze Umfeld wirkt alt und vergammelt. Angebot: In der Bahnhofshalle gibt es einen Bäcker und einen Zeitungsladen, sonst zahlreiche Automaten. Besonderheit: Im ehemaligen 1.-Klasse-Warteraum hat der Kunstverein einen Veranstaltungsraum, im ehemaligen 3.-Klasse-Warteraum ist der Jazzclub “stellwerk” untergebracht.

Fazit: Der Harburger Bahnhof ist kein Ort, an dem sich Reisende gern lange aufhalten. Er ist kalt, dunkel und unfreundlich. Nur zwei Dinge sind gelungen: die kostenlosen Parkplätze und die Möglichkeit, schnell mit S-Bahn und Bus wieder von dort wegzukommen.

EIn Kunstverein und ein Jazzclub – das gibt natürlich Minuspunkte

Die schnallen es nicht, das Grundübel. Der Reisende will sich schnell und ohne Behinderungen auch mit Gepäck orientieren und bewegen können.

Aber: da eh nur der Konsument zählt, fällt der Hauptzweck des Gebäudes, ein Bahnhof zu sein, mal so unter den Tisch.

Was hat die Bahn den Abendblatt-Praktikanten für diese Recherche bezahlt? Drei Baguettes oder einmal kostenlos parken?

Musik als Element der Benutzerführung

Auf den ersten Blick widerspricht die musikalische Entwicklung der letzten Jahrzehnte der verbreiteten Annahme, kultureller Fortschritt sei stets mit einer Zunahme an Komplexität verbunden. Mit dem Rock'n'Roll begann der Siegeszug des Dreiminutensongs. Aber auch er ist längst atomisiert zu Sample-Snippets, Klingeltönen und fragmentierten iPod-Playlists.
und
Angesichts der vielen Zeit, die in die Entwicklung der Nano-Ouverture gegangen ist, klingt bemerkenswert, was für Steve Ball ein Zeichen für den Erfolg der Komposition wäre, nämlich «wenn die Leute sie kaum wahrnehmen würden. Oder überhaupt nicht.»

der neue Sound beim neuen MS-Betriebssystem wird milliardenfach die Ohren verschmutzen, droht uns die NZZ an, aber dazu braucht's ja auch nicht viel Phantasie.

Wie mans macht

macht mans verkehrt?

Jörg Sundermeier kritisiert in der TAZ die Lyrik-Präsentation des Deutschlandfunks, einem der wenigen Sender, die Lyrik ernstnehmen.

Dem Publikum vorgeführt wird allein die Aura des Geistigen, ohne den Raum drumherum, der zur Entfaltung nötig ist; man kann die Gedichte, im wahrsten Sinne des Wortes, gut weghören. Der Sound zumindest ist prima. Und genau das macht auch die neueste und allerneueste Lyrik so attraktiv, die das Spielen mit einem lyrischen Sound ziemlich gut drauf hat. Für den Bildungshuber ist das genau richtig.

Ich kann das nicht beurteilen, ich kann nicht den ganzen Tag Radio hören und bekomme deshalb diese Sendungseinsprengsel nicht mit. Allerdings denke ich, daß wer den ganzen Tag Radio hört sowieso eher weghört….
kann doch keiner fasziniert gebannt die ganzen vollen Stunden lauschen

Weihnachtspop(musik)

Unter dem Weihnachtsbaum … strebt die Affirmationsdynamik der Konsumkultur ihrem Höhepunkt zu

… denn Weihnachten ist ein Familienfest. Was nicht heißen muss, von Leuten umgeben zu sein, die nur das Zimmer voller machen. Aber genau dazu wird eine Heiligabendgesellschaft, die sich nicht auf einen musikalischen Kanon einigt. Ohne Musik mutiert die Bescherung zu einem Actionfilm, dem der Ton abgedreht wurde.

Als säkulare Alternative zu Kirchenorgel und Knabenchor hat sich eine übereuphorisierte Trash-Kultur entwickelt.

ein distanzierter Artikel im Tagesspiegel, der dann aber doch auch der Falle nicht entkommt:

… Auch diese Platte wird all jene kaum eines Besseren belehren, die Weihnachten mit kratzigen Pullovern und zu vielen Knoten im Geschenkband verbinden. Doch aus Stevens’ warmherziger Aufforderung, die Lichter in den Baum zu hängen, die Oma anzurufen, wenn sie alleine lebt, und, sollte sie weinen, ihr zu versprechen, dass man vorbeikommt („Put The Lights On The Tree“ ), spricht ein Humanismus, den wir bitter nötig haben.

Also Leute, zeigt ein wenig normales emotionales Verhalten und das Fest ist gesichert…

antizivilisatorisches Gerät = das Handy

Seit einigen Jahren mehren sich die aufdringlichen Anzeichen dafür, dass die Unzivilisiertheit zunimmt. Sie wächst in dem Masse, in dem sich ein Medium ausbreitet, das der Soziologe Geoff Cooper den Inbegriff einer «indiskreten Technologie» genannt hat: das Mobiltelefon. Gewiss, man hat sich an seine Allgegenwart und also auch daran gewöhnt, dass Privates und Intimes in öffentliche Räume eindringt; aber doch wohl eher so, wie man sich mit Belästigungen abfindet, gegen die sich zu wehren mehr Energie kostet, als sie zähneknirschend zu erdulden. Da man selbst, sofern nicht der Avantgarde der Handy-Abstinenten zugehörig, zur akustischen Indiskretion hin und wieder auch etwas beiträgt, erleidet die mögliche Empörung freilich ohnedies eine moralische Einbusse.

und weiter zum Schluß des Artikels:
Heisst dies, am Ende gebe es weder Gesellschaft noch Gemeinschaft mehr, sondern nur Ansammlungen hypnotisierter Vereinzelter, die in virtualisierten Räumen voller Sehnsucht darauf warten, angerufen, abberufen, herausgerufen – gerettet zu werden? Bis sich zeigt, ob ein solches Ende naht, mag, weniger spekulativ, diese Einsicht genügen: Die mobiltelefonische Abwesenheit der Anwesenden zeugt von allseits gespaltener Aufmerksamkeit, von aufgeregter Unkonzentriertheit und allgemeiner Zerstreuung – von der Wirklichkeit der Mediengesellschaft also.

Uwe Justus Wenzel in der NZZ von heute

Kultur-Banal wird europäisch

nicht wundern, wenn Sie nun auf “www.kultur-banal.eu” landen.
Bedingt durch die denkbar schlechteste Hosting-Situation, die ich je hatte, sah ich mich gezwungen, mit “kultur banal” umzuziehen.
ist nun eben kultur-banal.eu und das finde ich auch in Ordnung.

Bahnhof oder Shopping?

“Ich fühle mich hier sehr wohl und sicher”, sagt sie. “Hier gibt es genügend Wachpersonal. Das nimmt einem die Angst”, sagt Michaela Dogan (33), Angestellte im … Express-Store. Auch das Warenangebot – die Einkaufsmeile in der Bahnhofshalle besteht aus mehr als 30 Läden – wird von den Hamburgern gerne genutzt. “Ich finde den Mix toll. Hier gibt es für jeden etwas”, so Lioba Kraft (34) aus Eppendorf.

Wird hier ein Einkaufszentrum ausgezeichnet? Nein, ein Bahnhof wird prämiert. Aber was ist ein Bahnhof? Ein Bahnhof ist ein Platz, an dem Reisende an- und abreisen.

Was braucht also ein Bahnhof: eine überlegte Planung um das Reisen reibungs- und beschwerdelos zu gestalten, um Orientierung zu erleichtern, Wege zu verkürzen, das Verkehrsaufkommen möglichst reibungslos zu bewältigen …

was hat das mit Shopping zu tun? Nichts.

Dann checkt doch mal diesen Preisträger-Bahnhof Dammtor daraufhin ab, wie er sich anfühlt, wenn man mit 2 Taschen und einem Koffer unterwegs ist— ach ich hatte ja vergessen, ein Bahnhof ist ja kein Bahnhof..

“Erster Rucksacktourist auf dem Mond gelandet!”

Aber was, wenn bald alle Strände entdeckt sind, ein Urlaub in Nordkorea wie Skifahren in der Schweiz ist und alle hungrigen Kinder Bauchschmerzen haben? Dann wird schließlich eine sensationelle Meldung über die Bildschirme flackern: “Erster Rucksacktourist auf dem Mond gelandet!”

taz von heute

Ich bin ja ein großer Fan der Bettwurst…

Immer wieder fährt da die Kamera die verschiedenen Stationen des gerade betretenen Hotelzimmers ab (Bett, Schrank, Stuhl), und jedes Mal wird der noch unbewohnte Balkon, das noch aufgeräumte Bad und die noch saubere Toilette mit liebevoller Hingabe eingefangen, als müsse der Urlauber befürchten, schon in der nächsten Minute sei alles wie von Geisterhand verschwunden und er finde sich mit einem Schlag wieder daheim in seiner Mietwohnung in Neumünster, Eschwege oder Pforzheim vor. Dies wird ernst und eben in der Hoffnung auf Wahrheit inszeniert, während andere immer mit der Kamera wackeln oder ins Mikrofon rülpsen müssen, weil man sie sonst nicht für Kunststudenten hält.

da ist was dran …

eine eventuell interessante Ausstellung in Kiel und ein Artikel in der FR

Ballermann – die Ausstellung

ich schwanke, ob das nicht wieder so ein Anbiedern an die Niederkultur ist