Welche Grenzen des guten Geschmacks aber durchbrochen werden müssen, um Rilke bestsellerfähig zu machen, demonstrierte eine Kostprobe, gegen die jeder Heimatabend mit Liedgut auf der Hammondorgel einen schlanken Fuß macht: Auf einem vierstufigen Podest räkelte sich Jürgen Prochnow wie ein wild entschlossener Laiendarsteller, der für sein erstes selbst gedrehtes Erotik-Home-Video noch etwas zaghaft übt.
Auf einer Videoleinwand sah man Herbstlaub rascheln und eine sehr späte Sonne sich in den Wellen eines Sees spiegeln. Eine Combo entlockte ihren Instrumenten schaurige Synthesizer-Klänge – halb Kaufhauspop, halb Meditationsschmuh. Und Jürgen Prochnow sagte: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“
aus der Süddeutschen, und hier auch bei Kultur-Banal höchstselbst weiterlesen »
Liebes GMX Mitglied,
sollte irgendein Fernsehsender im Zuge der nicht enden wollenden Flut von Sendungen mit Titeln wie „ultimative Chart-Show“, „Hit Giganten“ oder „Unsere Besten“ dereinst auf die Idee kommen, die beliebtesten, schönsten, besten oder bekanntesten deutschen Gedichte zu küren – die Lyrik-Charts sozusagen – dann wäre “Herbsttag” von Rainer Maria Rilke ein sicherer Anwärter für die Top 10. Kennen Sie nicht? Doch, bestimmt! „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr./ Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben…“
Ein wunderschönes Gedicht, keine Frage. Trotzdem: Wer jetzt allein ist, muss es nicht bleiben. Allen, die an den kommenden strahlend schönen Herbsttagen nicht alleine durchs bunte Laub rascheln und die langen Nächte nicht unbedingt ausschließlich in Gesellschaft umfangreicher Lyrik-Anthologien verbringen möchten, haben wir dieses GMX Magazin zum Thema “Zweisamkeit” gewidmet. Sie können es aber auch alleine lesen.
Ihr GMX Team
Ich schlage dieses Gedicht für die Liste der am meisten mißbrauchten Texte vor