antizivilisatorisches Gerät = das Handy
Seit einigen Jahren mehren sich die aufdringlichen Anzeichen dafür, dass die Unzivilisiertheit zunimmt. Sie wächst in dem Masse, in dem sich ein Medium ausbreitet, das der Soziologe Geoff Cooper den Inbegriff einer «indiskreten Technologie» genannt hat: das Mobiltelefon. Gewiss, man hat sich an seine Allgegenwart und also auch daran gewöhnt, dass Privates und Intimes in öffentliche Räume eindringt; aber doch wohl eher so, wie man sich mit Belästigungen abfindet, gegen die sich zu wehren mehr Energie kostet, als sie zähneknirschend zu erdulden. Da man selbst, sofern nicht der Avantgarde der Handy-Abstinenten zugehörig, zur akustischen Indiskretion hin und wieder auch etwas beiträgt, erleidet die mögliche Empörung freilich ohnedies eine moralische Einbusse.
und weiter zum Schluß des Artikels:
Heisst dies, am Ende gebe es weder Gesellschaft noch Gemeinschaft mehr, sondern nur Ansammlungen hypnotisierter Vereinzelter, die in virtualisierten Räumen voller Sehnsucht darauf warten, angerufen, abberufen, herausgerufen – gerettet zu werden? Bis sich zeigt, ob ein solches Ende naht, mag, weniger spekulativ, diese Einsicht genügen: Die mobiltelefonische Abwesenheit der Anwesenden zeugt von allseits gespaltener Aufmerksamkeit, von aufgeregter Unkonzentriertheit und allgemeiner Zerstreuung – von der Wirklichkeit der Mediengesellschaft also.
Uwe Justus Wenzel in der NZZ von heute
Kommentarfunktion abgeschaltet.