konstatiert die Berliner Zeitung

Der Bebelplatz ist zur Schaustätte einer neuen Gedenk-Schizophrenie geworden. Die einen feiern “Deutschland – Land der Ideen”, die anderen erinnern an die Sündenfälle unserer Geschichte. Die einen wissen nicht, was die andern tun, und da die Taten und die Untaten so eng mit einander zusammenhängen, drängen sie sich auf den selben Plätzen.

Aus dem Feuilleton:

Feuilleton

Die neue Gedenk-Schizophrenie

Blühende Buchlandschaften auf dem Bebel-Platz

Arno Widmann

Auf dem Berliner Bebelplatz neben der Lindenoper ist jetzt weithin sichtbar ein großes Büchermonument zu sehen. Es erinnert, so mag der flüchtige Passant denken, an die Bücherverbrennung, die hier, als der Platz noch Opernplatz hieß, am 10. Mai 1933 stattfand. Auf der Tafel neben dem Monument steht in großen Lettern “Deutschland – Land der Ideen.” So hat der Passant die Bücherverbrennung noch nie gesehen. Neugierig nähert er sich dem Werk und entdeckt, dass er sich auf dem “Walk of Ideas” befindet und hier nicht an die Bücherverbrennung, sondern an die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450 erinnert werden soll.

Der Text weist nicht auf Gutenbergs Vorläufer hin, er weist nicht auf die nichtdeutschen Weiterentwickler der Druckkunst hin, sondern er erweckt den Eindruck, als sei der Buchdruck seit Gutenbergs Tagen eine deutsche Domäne. Der Patriotismus schwelgt wie eh und je in Anspielungen auf die geläufigsten Klischees und Zitate. So heißt es an einer Stelle “Dichter und Denker nutzten die neue Technik und ließen die deutsche Buchlandschaft erblühen.” Danach kommt ein Hinweis auf die Bücherverbrennung vor 73 Jahren. Dann ist von der Nachkriegszeit und ihrem Aufschwung die Rede. Da geht es dann nicht etwa um die wieder erlangte oder auch wieder vorenthaltene Rede- und Schreibfreiheit, sondern darum, dass heute 1 800 Verlage jährlich fast 80 000 Titel auf den Markt bringen.

Das Verrückteste aber ist die Zeile: “Am 10. Mai 1933 verbrannten Nationalsozialisten überall in Deutschland Werke moderner und regimekritischer Autoren.” Verbrannt wurden damals Autoren, die in den Augen der Nazis den “undeutschen Geist” repräsentierten. Viele Juden waren darunter. Darüber schweigt die Tafel sich aus. Außerdem: Die Verbrennung geschah vielerorts, aber sie geschah auch auf exakt diesem Platz. Kein Hinweis auf die nur siebzig Schritt entfernt versenkten leeren Bücherregale von Micha Ullmann. Dort lagen übrigens gestern, am Jahrestag, Rosen allein von der PDS und der “Jungen Welt”. Niemand sonst war auf die Idee gekommen. Der Bebelplatz ist zur Schaustätte einer neuen Gedenk-Schizophrenie geworden. Die einen feiern “Deutschland – Land der Ideen”, die anderen erinnern an die Sündenfälle unserer Geschichte. Die einen wissen nicht, was die andern tun, und da die Taten und die Untaten so eng mit einander zusammenhängen, drängen sie sich auf den selben Plätzen.