es wird wahrgenommen, daß da eine Lücke gerissen wird. Die Fr schreibt darüber einen nachdenklichen, aber auch aufrüttelnden Bericht.

Und ich stelle fest, daß ich zu der kleinen Minderheit gehöre, eine unter 10.000, die in Deutschland diese wunderbare Zeitschrift, und auch so notwendige Zeitschrift, abonniert haben.

Es wird nur nicht deutlich, wie gross die Minderheit der zahlenden Abonnenten ist, zu der ich auch gehöre. Immerhin 15,00 EUR pro Jahr, das ist ein Betrag, hätten alle deutschen Abonnenten das bezahlt, 10.000 x 15 = 150.000 EUR, dann hätten drei Hefte finanziert werden können.

Aber die Abonnenten mucksen sich nicht, raffen sich nicht auf, es ruft sie keiner auf dazu, wer auch?Das kleine Schloss

Alles schreit nach Dialog, die Zeitschrift für Mitteleuropa “Kafka” steht trotzdem vor dem Aus

VON JÖRG PLATH

Das Menetekel steht in einer Vorstadtbrache und leuchtet. Die Titelseite des druckfrischen Heftes von Kafka. Zeitschrift für Mitteleuropa ziert eine große Plakattafel in gleich zehnfacher Reproduktion, mal weiß, mal schwarz, mal grau – immer aber leer. Es ist, so hat das Goethe Institut verlauten lassen, das vorletzte Heft der Zeitschrift, die seit 2001 in Deutschland, Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei in den jeweiligen Landessprachen erscheint, um den mitteleuropäischen Dialog zu fördern. Im Herbst 2005, “ein Jahr nach dem erfolgten EU-Beitritt” dieser Länder, wie die Pressemitteilung eigens betont, wird Kafka eingestellt. Nun weiß man, wie sich eine große deutsche Kulturinstitution die europäische Integration vorstellt – als institutionellen Akt.

Kafka muss man sich als einen Marktplatz voller Intellektueller vorstellen, umgeben von einem Pulk Übersetzer. Gute Bekannte sind darunter: Olga Tokarczuk, György Konrád, Durs Grünbein, Robert Gernhardt, László Darvasi, Adam Krzeminski, Andrzej Stasiuk, Ulrich Beck, Viktor Jerofejew und Andrej Bitow. Gänzlich unaufgeregt debattieren sie über “Migration”, “Markt”, “Vertreibung”, “Zukunft der Religionen”, “Antisemitismus” oder auch über “Wasser” und “Das Wort”. Heft für Heft ist Kafka eine Wundertüte. In ihr stießen deutsche Lesern erstmals auf das ukrainische enfant terrible Juri Andruchowytsch, und mancher Mitteleuropäer lernte Autoren des eigenen Landes kennen.

Vergleichbar mit dem Treiben auf diesem europäischen Marktplatz, der eine Geschichte teilt und den eben darum viele Geschichten teilen, ist nur noch die international ausgerichtete Kulturzeitschrift Lettre. In ihrem geräumigen Büro in einem Gartenhaus nahe Bahnhof Friedrichstraße wirken die Kafka-Redakteure Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann keineswegs niedergeschlagen. Die frühere Leiterin des damals auf Osteuropa konzentrierten Rowohlt Berlin Verlags und dessen Sachbuchlektor hat die Nachricht nicht überrascht, und noch hoffen sie, dass die Entscheidung noch einmal überdacht wird. Der designierte Goethe-Generalsekretär Hans-Georg Knopp trete sein Amt ja erst im August an, und bisher hätten die Münchener nicht immer überlegt gehandelt. Erst im Herbst 2004 sei ein Beirat für Kafka ins Leben gerufen worden, der auf seiner ersten Sitzung im März vom Aus erfuhr und sich wieder auflöste. Sinnigerweise habe das Goethe Institut die Einstellung der Zeitschrift auch begründet mit der Unmöglichkeit, in einem Halbjahresperiodikum Debatten zu führen. Allerdings waren es dieselben Münchener, die 2004 die Erscheinungsweise von Kafka von vier auf zwei Hefte im Jahr reduziert hatten, um Kosten zu sparen.

Das Internet taugt nicht für Debatten

Dabei hätten sie Sparvorschläge gemacht, sagen Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann. Sie wollten das kostenlose Heft zumindest den 10 000 deutschen Abonnenten verkaufen und die 7000 polnischen, 3000 ungarischen und 5000 tschechischen und slowakischen Hefte nicht mehr mit der vergleichsweise teuren deutschen Post verschicken. Auch die Anregung zur Kooperation mit anderen Kulturinstituten wurde nicht aufgenommen.

“Die Zeit lief uns davon”, sagt Christel Mahnke, in der Goethe-Zentrale zuständig für Information und Zeitschriften. Man wolle in den baltischen Staaten, in Rumänien, Bulgarien und der Ukraine präsent sein, aber für weitere Sprachversionen von Kafka, die ursprünglich geplant waren, fehle das Geld. Daher sollen nun die entsprechenden Online-Angebote ausgebaut werden. Das klingt nach einer Renationalisierung: Die Internetartikel stammen von deutschen Autoren. Doch man wolle, sagt Christel Mahnke, stärker mit Zeitschriften in Osteuropa kooperieren und beispielsweise Artikel hochkarätiger Autoren finanzieren. Noch seien es freilich “Gedankenspiele”.

“Das Internet taugt nicht für Debatten”, meint Ingke Brodersen. “Und seine Reichweite wird überschätzt. Es hat in diesen Ländern einige Zeit gedauert, bis selbst die meisten Kafka-Übersetzer eine email-Adresse hatten.” Rüdiger Dammann schüttelt den Kopf: “Die wachsende Kritik an der europäischen Verfassung, der Widerstand gegen das ‚Projekt Europa' in Frankreich – das alles schreit doch nach mehr Dialog.”

Steht nun auch den anderen Zeitschriften des Goethe Instituts, der spanischsprachigen Humboldt und Fikrun wa Fann für den arabischen Raum, die Einstellung bevor? Christel Mahnke widerspricht. Mit Auflagen von 20 000 beziehungsweise 17 000 erreichten beide Zeitschriften mehr Leser im Ausland als Kafka, deren Auflage nur dank 10 000 deutscher Abonnenten höher liege. Nur? So nachteilig kann ein erfolgreicher Dialog sein. – Sollte es beim Aus für Kafka bleiben, sehen die Redakteure für sich nicht allzu schwarz. Sie sind schon bisher für verschiedene Verlage als Autoren, Lektoren, Herausgeber und literarische Agenten tätig. Ideen und Themen gibt es genug. Doch die “kleine europäische Republik”, wie Ingke Brodersen beinahe zärtlich Kafka nennt, gibt es nur einmal.